„Bis zu 120 Kilometer Reichweite!“ – solche Aussagen lesen sich gut. In der Realität enden viele Fahrten deutlich früher. Nicht, weil der Akku schlecht ist, sondern weil die Zahl aus dem Prospekt wenig mit dem Alltag zu tun hat. Hersteller messen unter Bedingungen, die man draußen kaum je antrifft. Flach, mild, leicht, defensiv gefahren. Das ist legitim – aber es erklärt, warum Enttäuschung vorprogrammiert ist.
Hinzu kommen ein paar hartnäckige Fehlannahmen, die sich seit Jahren halten. Manche stammen aus der Auto- oder Handywelt, andere aus alten Akku-Zeiten. Wer Reichweite realistisch einschätzen will, muss sie kennen – und einordnen.
Am Ende entscheidet nicht das Versprechen auf dem Datenblatt, sondern ein simples Verhältnis: Wie viel Energie steckt im Akku (Wattstunden) – und wie viel davon verbrauchst du pro Kilometer. Wer das einmal verstanden hat, fährt entspannter. Und kommt weiter.
Reichweiten-Mythen, die im Alltag nicht standhalten
Mythos 1: „Mehr Drehmoment bedeutet automatisch mehr Reichweite“
Ein Motor mit 85 Nm klingt nach Souveränität. Und das ist er auch – vor allem am Berg oder mit viel Zuladung. Was Drehmoment allerdings nicht ist: ein Effizienzversprechen. Newtonmeter sagen etwas über Kraft aus, nicht über Sparsamkeit.
Im Alltag zeigt sich oft das Gegenteil. Starke Motoren ziehen bei hoher Unterstützung mehr Strom. Wer sie ständig im Turbo-Modus fährt, leert den Akku schneller, nicht langsamer.
Die Praxis sieht so aus: Ein Motor mit 40 Nm, gefahren im Eco-Modus, kann deutlich effizienter sein als ein 85-Nm-Antrieb unter Dauerlast. Entscheidend ist nicht, was der Motor theoretisch kann, sondern wie er genutzt wird. Wer ein E-Bike als alltagstaugliche Mobilitätslösung sucht, sollte Akkugröße und Antrieb nach realen Anforderungen auswählen – nicht nach Maximalwerten.
Mythos 2: „Die Herstellerangabe ist eine realistische Reichweite“
„500 Wh – 40 bis 120 Kilometer“. Solche Spannweiten finden sich fast überall. Sie entstehen im Labor: konstantes Tempo, flache Strecke, optimales Wetter, wenig Unterstützung. Draußen sieht die Welt anders aus.
In der Praxis landet man meist im unteren bis mittleren Bereich dieser Spanne. Wer mit Gegenwind, Steigungen oder höherem Tempo unterwegs ist, rutscht schnell nach unten.
Realistisch gesehen heißt das: Steht „bis zu 120 km“ im Datenblatt, sind 50 bis 70 km im Alltag ein ehrlicher Richtwert. Alles darüber ist möglich – aber nur unter sehr günstigen Bedingungen.
Mythos 3: „Je größer der Akku, desto besser“
Ein großer Akku bringt mehr Reserven. Keine Frage. Er bringt aber auch mehr Gewicht und höhere Kosten mit sich. Ein 750-Wh-Akku wiegt oft ein bis zwei Kilogramm mehr als ein 500-Wh-Modell.
Für viele Pendler ist das schlicht überdimensioniert. Wer täglich 15 bis 25 Kilometer fährt, trägt unnötig Ballast spazieren.
In der Praxis reichen für die meisten Alltagsfahrten 400 bis 500 Wh völlig aus. Größere Akkus lohnen sich vor allem bei langen Touren, viel Gepäck oder stark hügeligem Terrain. Die Kapazität sollte zum Einsatz passen – nicht zum Wunsch nach maximaler Zahl.
Mythos 4: „Den Akku immer leer fahren“
Das ist ein Relikt aus der Zeit von Nickel-Cadmium-Akkus. Moderne Lithium-Ionen-Akkus kennen keinen Memory-Effekt. Tiefentladung schadet ihnen eher, als dass sie nützt.
Aus Erfahrung gilt: Teilladungen sind nicht nur unproblematisch, sondern ausdrücklich erwünscht. Die oft zitierte 20-80-Prozent-Regel ist kein Dogma, aber ein guter Richtwert. Wer seinen Akku nicht ständig auf 100 % lädt und ihn nicht regelmäßig unter 20 % fallen lässt, verlängert die Lebensdauer spürbar.
Mythos 5: „Im Turbo bin ich schneller da und spare Strom“
Der Gedanke klingt logisch. Kürzere Fahrzeit müsste weniger Energie bedeuten. In der Praxis passiert das Gegenteil. Hohe Unterstützungsstufen treiben den Verbrauch massiv nach oben.
Auf einer 10-Kilometer-Strecke spart der Turbo vielleicht fünf Minuten. Der Akkuverbrauch kann dabei um 30 bis 50 % steigen. Das rechnet sich selten.
Sinnvoller ist es, den Turbo gezielt einzusetzen: bei steilen Anstiegen, starkem Gegenwind oder wenn es wirklich eilig ist. Für alles andere reichen Eco oder Tour völlig aus.
Mythos 6: „Rekuperation lädt den Akku nennenswert nach“
Vom E-Auto kennt man es: Bremsen, Energie zurückgewinnen, weiterfahren. Beim E-Bike ist das Thema deutlich kleiner. Viele Systeme bieten gar keine Rekuperation, andere holen im besten Fall ein paar Prozent zurück.
Realistisch sind etwa fünf bis zehn Prozent. Das ist nett, aber kein Reichweiten-Booster. Wer weiter kommen will, erreicht mehr durch vorausschauendes Fahren und einen sparsamen Modus.
Watt, Wattstunden und warum das den Unterschied macht
Um Reichweite einordnen zu können, muss man zwei Dinge sauber trennen. Das wird häufig vermischt.
Watt (W) beschreibt die Motorleistung. Bei Pedelecs sind das maximal 250 Watt. Vergleichbar mit der Leistung eines Motors.
Wattstunden (Wh) beschreiben die Energiemenge im Akku. Das ist der eigentliche „Tank“. Übliche Akkus liegen zwischen 300 und 500 Wh, größere Systeme bei 625 oder 750 Wh.
Die Rechnung ist simpel:
Akkukapazität (Wh) ÷ Verbrauch (Wh pro km) = Reichweite
Ein 500-Wh-Akku bei 10 Wh/km ergibt rund 50 Kilometer. Der Haken: Der Verbrauch schwankt stark.
Flach, moderat, Eco-Modus: etwa 8–12 Wh/km. Hügelig, Gegenwind, hohe Unterstützung: 15–25 Wh/km oder mehr. Genau deshalb geben Hersteller Spannen an. Nicht, um zu verwirren, sondern weil Reichweite immer vom Einsatz abhängt.
Wer seinen eigenen Verbrauch kennt, kann planen. Und hört auf, sich über unrealistische Erwartungen zu ärgern.
Was die Reichweite wirklich beeinflusst
- Der größte Hebel ist die Unterstützungsstufe. Eco oder Tour machen oft den Unterschied zwischen 80 und 40 Kilometern.
- Auch der Motor selbst spielt hinein. Hohe Drehmomente ziehen bei Vollast mehr Strom. Das heißt nicht, dass starke Motoren schlecht sind – nur, dass man ihre Kraft bewusst einsetzen
- Fahrstil ist der nächste Punkt. Gleichmäßiges Tempo zwischen 15 und 20 km/h ist effizient. Häufiges Beschleunigen und Abbremsen kostet Reichweite. Ebenso dauerhaftes Fahren nahe der 25-km/h-Grenze.
- Gewicht wirkt unscheinbar, summiert sich aber. Jedes zusätzliche Kilo erhöht den Verbrauch. Gepäck, volle Taschen, unnötiges Zubehör – alles zieht Energie.
- Höhenmeter sind echte Reichweitenfresser. Bergauf kostet viel, bergab kommt kaum etwas zurück. Auf Schotter oder Waldwegen steigt der Rollwiderstand zusätzlich.
- Der Reifendruck wird oft unterschätzt. Zu weiche Reifen können die Reichweite um bis zu 30 % senken. Ein regelmäßig geprüfter, eher hoher Druck zahlt sich aus.
- Temperatur spielt ebenfalls eine große Rolle. Unter 10 °C sinkt die Leistung spürbar, um den Gefrierpunkt herum sind 20–30 % weniger Reichweite normal. Hitze beschleunigt dagegen die Alterung.
Drei typische Alltagssituationen
Pendeln in der Stadt
Zehn Kilometer, flach, viele Ampeln. Eco oder Tour. Der Verbrauch liegt meist bei 8–10 Wh/km. Mit einem 500-Wh-Akku sind je nach Entfernung mehrere Tage ohne Laden drin.
Tour mit Gepäck
70 Kilometer, hügelig, Packtaschen. Der Verbrauch steigt schnell auf 15 Wh/km oder mehr. Ein einzelner 500-Wh-Akku reicht oft nur für die Hälfte. Ladestopp oder Zweitakku werden sinnvoll.
Für solche Einsätze lohnt es sich, das E-Bike passend zu wählen. Händler wie Mount7 bieten Touren-E-Bikes mit unterschiedlichen Akkugrößen – so lässt sich die Kapazität am Bedarf ausrichten, statt pauschal zum größten Akku zu greifen.
Winterfahrt bei Kälte
Bei 0–5 °C sinkt die Reichweite deutlich. Ein Akku, der im Sommer 50 Kilometer schafft, kommt jetzt vielleicht auf 35–40. Neoprenhüllen, ein warmer Start und etwas Reserve helfen.
Akkupflege: Reichweite erhalten statt verschenken
Ein Akku macht einen großen Teil des E-Bike-Preises aus. Entsprechend lohnt sich ein sorgsamer Umgang.
Lithium-Ionen-Akkus halten je nach Qualität 500 bis 1.000 Ladezyklen, oft mehr. Nach einigen Jahren bleiben meist 70–80 % Kapazität übrig. Das ist normal.
Teilladungen schaden nicht. Dauerhaftes Vollladen und Tiefentladen schon eher. Für längere Standzeiten sind 50–60 % Ladung ideal, kühl und trocken gelagert.
Schnellladen ist weniger dramatisch als oft behauptet. Übliche Ladegeräte arbeiten moderat. Kritischer ist Dauer-Turbo bei Anstiegen – das belastet den Akku stärker als normales Laden.
Mehr Details zur richtigen Akkupflege findest du in unserem Ratgeber Das E-Bike immer wie neu: So klappt die richtige Pflege.
Reichweite ist kein Glücksspiel
Reichweite entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis aus Akkugröße, Verbrauch und Fahrweise. Herstellerangaben geben eine Orientierung, ersetzen aber keine realistische Einschätzung. Wer weiß, wie viele Wattstunden im Akku stecken und wie viel er pro Kilometer verbraucht, fährt entspannter. Und kommt weiter. Ganz gleich, ob im Alltag, auf Tour oder im Winter.
Reichweite ist auch kein Versprechen. Sie ist ein Werkzeug. Wer es versteht, nutzt es – statt sich davon überraschen zu lassen. Ob du täglich pendelst, lange Touren fährst oder im Winter unterwegs bist: Mit realistischen Erwartungen und cleverer Fahrweise holst du das Maximum aus deinem E-Bike. Und wenn du noch tiefer ins Thema einsteigen willst, schau dir unsere weiteren Ratgeber an – etwa E-Bike Wattzahl: Wie viel Watt ist ein gutes Elektrofahrrad? oder Warum sind E-Bikes so teuer?.
